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Interview mit Nikola HahnDas Interview wurde am 03. Juli 2003 per eMail durchgeführt. Natalie Mareth: Sie haben inzwischen zahlreiche Lesungen ihres neusten Werkes "Die Farbe von Kristall" abgehalten, außerdem sicherlich auch im Vorfeld das Buch einige Male gelesen. Kann man es dann irgendwann einmal nicht mehr sehen, oder bleibt es immer etwas Besonders? Nikola Hahn: In der letzten Schreibphase, oder besser gesagt, Überarbeitungsphase, kommt schon manchmal das Gefühl auf, die Geschichte nicht mehr lesen zu mögen. Allerdings ändert sich das wieder, wenn das Buch dann gedruckt vor einem liegt. Da ich meine Lesungen dramaturgisch aufbaue, d.h., nicht nur einfach ein Kapitel vorlese, sondern eine ganz eigene Geschichte kreiere, ist das noch mal etwas anderes als das Buch einfach nur zu lesen. Ich habe Freude daran, das Buch meinen Lesern vorzustellen. Es bleibt also schon etwas Besonderes für mich, auch wenn es in den Hintergrund rückt, sobald ich an einem neuen Roman arbeite. Natalie Mareth: Wie kamen Sie auf die Idee, einen historischen Kriminalfall als Grundlage für "Die Farbe von Kristall" zu nehmen? Besteht da nicht die Gefahr, dass der eine oder andere Leser beleidigt ist, weil sie sich zu viel oder auch zu wenig dichterische Freiheit genommen haben? Nikola Hahn: Ich bin sehr penibel, was das historische Detail angeht,
lese, recherchiere viel und "benutze" historische Persönlichkeiten grundsätzlich
nur in einem möglichst authentischen Kontext. Das Feedback meiner Leser ist
durchgängig positiv. Ich habe schon mehrere Briefe von Nachkommen historischer
Personen bekommen, die nach weiteren Informationen fragten. Schon diesen Leuten
bin ich es schuldig, meine historischen Figuren nicht allzu freizügig auszulegen
- obwohl man als Romanautor durchaus das Recht dazu hätte. Es ist einfach eine
Auffassung, wie man einen historischen Stoff aufbereiten möchte. Ich habe mich
für die realistische Variante entschieden - nicht zuletzt deshalb, weil ich
außer spannenden Geschichten auch ein bisschen Geschichte vermitteln möchte.
Natalie Mareth: Wenn Sie an das Leben denken, das eine Frau wie z.b. Victoria Biddling zu ihrer Zeit geführt hat, würden Sie gerne mal probeweise mit ihr tauschen? Oder sind Sie froh, im 21. Jahrhundert zu leben? Nikola Hahn: Mich fasziniert die Vergangenheit, und oft stelle ich mir vor, wie die Leute damals gelebt haben. Aber tauschen möchte ich auf keinen Fall. Ich lebe gern in meiner Zeit, und wenn man bedenkt, welche Freiheiten gerade ich als Frau heute habe - nein, mit Victoria, die nicht mal lesen durfte, was sie wollte, möchte ich nicht tauschen. Natalie Mareth: Wie lange hat die Recherche für "Die Farbe von Kristall" gedauert? Nikola Hahn: Das kann ich nicht genau sagen, da ich parallel schreibe und recherchiere. Ich mache eine Vorrecherche, "kreise" sozusagen meine Themenfelder ein (Stadtgeschichte Frankfurt, Kriminalistik, Polizeigeschichte, Alltagsleben, Mode, Gesellschaft, Politik, Entwicklung des Kriminalromans ...), schreibe Kurzbiographien zu meinen wesentlichen Figuren, entwerfe einen groben Handlungsablauf und ein Exposé, und dann fange ich mit Kapitel eins an. Und beim Schreiben erledige ich dann die Feinrecherche, suche gezielt nach Informationen zu meiner Geschichte. Das hilft, Zeit zu sparen und auf den Punkt zu recherchieren. Insgesamt arbeite ich ca. 2-3 Jahre an einem Roman. Natalie Mareth: Hauptberuflich sind Sie Kriminalhauptkommissarin. Fließen Erfahrungen aus Ihrer Polizeiarbeit in Ihre Bücher ein? Nikola Hahn: Ja, soweit es Geschichten betrifft, die in der Gegenwart
spielen. In meinem Roman "Die Wassermühle" habe ich sehr viele Erfahrungen und
Erlebnisse aus meiner Streifendienstzeit verarbeitet, vor allem aus dem Umgang
mit Bürgern und (Klein)kriminellen. Auch einige meiner Kurzgeschichten in meinem
Debüt "Baumgesicht" beruhen auf eigenem Erleben. So habe ich in die Titelgeschichte
dieses Buches meine Erlebnisse an der Startbahn West des Frankfurter Flughafens
eingearbeitet, wo 1987 zwei meiner Kollegen bei einer Demonstration erschossen
wurden. Natalie Mareth: Wie hat ihr Umfeld (Familie/Kollegen) darauf reagiert, dass Sie nun neben Ihrer Hauptarbeit auch erfolgreiche Romane schreiben? Nikola Hahn: Vorwiegend positiv. Inzwischen kündigen sich des öfteren Kollegen an, die eine Signatur möchten. Im täglichen Dienst spielt meine Schriftstellerei allerdings keine Rolle, und ich achte auch sehr darauf, dass das so bleibt. Von sieben bis halb vier möchte ich als Kriminalbeamtin, nicht als Autorin, wahrgenommen werden. Leider ist das Wohlwollen auf der "oberen" Etage nicht ganz so einhellig, es gab Anmerkungen frei nach dem Motto, ich sei wohl dienstlich nicht ausgelastet, wenn ich Zeit zum Roman schreiben hätte. Schon um solchen Vorwürfen zu entgehen, trenne ich meine beiden Tätigkeiten streng voneinander ab. Mein Hauptberuf ist nun mal die Polizei. Natalie Mareth: Ihr nächster Krimi soll im Frankfurt der zwanziger Jahre spielen. Wie weit sind die Arbeiten daran fortgeschritten? Nikola Hahn: Ich habe während der vergangenen Tage einen ganzen Berg an Büchern bestellt. Zur Recherche nutze ich das Internet, vor allem diverse Portale für antiquarische und vergriffene Bücher. Alte polizeiliche Lehrbücher, Bücher mit alten Fotografien der Stadt Frankfurt, die Situation von Frauen in der Polizei, Bücher über die 20er Jahre im allgemeinen - es dürften um die 50 Titel sein, die ich jetzt erst einmal durcharbeite, um mir einen Überblick über die Zeit zu verschaffen. Danach entscheide ich, wie die Geschichte ablaufen soll und werde dann einen ersten Entwurf schreiben. Natalie Mareth: Können Sie sich noch an Ihr Lieblingsbuch aus Kinder- und Jugendjahren erinnern? Gab es da eine Figur, die Sie immer gerne mal sein wollten? Nikola Hahn: Mein Lieblingsbuch, das übrigens noch heute in meinem Bücherregal steht, hieß "Im Blumenhimmel" von Sophie Reinheimer, ein Bilderbuch mit Versen. Die ursprüngliche Fassung stammt aus dem Jahr 1929. Einen Helden oder eine Heldin, die ich gern gewesen wäre, hatte ich nicht. Natalie Mareth: Verraten Sie uns zum Schluss, welches Buch zur Zeit auf Ihrem Nachtisch liegt? Nikola Hahn: Auf meinem Nachttisch liegt gleich ein ganzer Stapel von
Büchern. Am neugierigsten bin ich auf : Natalie Mareth: Vielen Dank für die Beantwortung der Fragen. weitere Informationen:Nikola Hahn stellt sich auf der Bücherwurmseite vor Bericht von einer Lesung mit Nikola Hahn
Buchbesprechungen auf der Bücherwurmseite:
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