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Lesung mit Andrej Kurkow
Nach einer kurzen Begrüßung und Vorstellung des Autors durch den Veranstalter begann die Lesung. Herr Kurkow begann mit einem kurzen Auszug aus der russischen Originalausgabe. Natürlich habe ich kein Wort verstanden, denn alles, was ich an russischer Sprache beherrsche, ist "Ich heiße Natalie" und "Ich liebe Dich". Trotzdem fand ich es sehr interessant, einmal den Originallaut zu hören, auch wenn es mir fast unbegreiflich erschien, dass diese Laute tatsächlich jemand versteht. Aber so geht es anderen Menschen vermutlich auch, wenn sie das erste Mal deutsche Sprache hören. Dann kam aber doch zum Glück die deutsche Übersetzung dran, die dann auch von allen im Publikum verstanden werden konnte. Andrej Kurkow spricht sehr gut deutsch, allerdings mit starkem Akzent, so dass einiges an Konzentration erforderlich war, um ihm zu folgen. Nach einer kurzen Eingewöhnungsphase war das aber auch kein Problem mehr. Er las den ersten Teil des Buches, das ziemlich genau an das Ende von "Picknick auf dem Eis" anschließt. Die Hauptfigur Viktor ist nach seiner erfolgreichen Flucht vor der Mafia nun auf der Suche nach seinem Pinguin Mischa, den er damals zurück lassen musste. Und natürlich gerät er gleich wieder an zwielichtige Gestalten. Nach einer knappen Stunde Lesung bekam das Publikum die Möglichkeit, dem Autor Fragen zu stellen. Und diese Fragerunde wurde wirklich sehr interessant, denn Kurkow erzählte einiges über seine Arbeit, Leben und Literatur in der Ukraine. Zuerst wurde die Frage gestellt, ob es auch noch einen dritten Pinguin-Mischa-Roman geben werde, die der Autor verneinte. Da es in "Pinguine frieren nicht" bereits 100% Happy End für Mischa und 70% Happy End für Viktor gebe, sei eine Fortsetzung nicht mehr vorgesehen und in seinen Augen auch ausgeschlossen. Danach erzählte er ein wenig über seine Arbeit. Er hat bereits 12 Romane auf Russisch veröffentlicht, von denen bisher lediglich vier ins Deutsche übersetzt wurden. Denn obwohl er in der Ukraine lebt, schreibt er auf Russisch. "Picknick auf dem Eis" wurde aber auch ins Ukrainische übersetzt, und jeder Parlamentsabgeordnete erhielt ein Exemplar, wie er erzählte. Mit dem Teil, der deutschen Übersetzung, den er kennt, sei er zufrieden, sagte er weiter, sie treffe den Ton des Originals ziemlich gut. Dann kam das Gespräch auf ein Thema, das deutlich machte, mit welch unterschiedlicher Mentalität Publikum und Autor das Leben nehmen. Denn auf die Frage, ob er denn nicht auch schon Probleme bekommen hätte, weil er recht drastisch über die politische Lage der Ukraine und die Mafia schreibt, antwortete Kurkow, er habe lediglich kleinere Schwierigkeiten gehabt. Als er das genauer erläutern sollte, erzählte er, dass es anonyme Anrufe, die auch Drohungen gegen seine Familie enthielten, gegeben habe. Hierzulande würde man dies vermutlich nicht als "kleinere Schwierigkeit" bezeichnen. Außerdem wurde ihm in der Zeitung vorgeworfen, er sei Anti-Ukrainer, da er im Ausland ein schlechtes Bild von seinem Heimatland zeichne. Zum Stellenwert der Literatur in der Ukraine erzählte er, dass mehr Zeitungen als Bücher gelesen würden. Es gebe neben ihm nur etwa 20 zeitgenössische Schriftsteller, die versuchten, etwas zu veröffentlichen. Wenn es ihnen gelinge, dann meist jedoch nur in sehr kleinen Auflagen, 3000 Exemplare seien schon ein Erfolg. Er selbst sei aber dennoch recht bekannt, wohingegen er in Russland keinen großen Namen habe. Das liege daran, dass die Kritiker in Moskau nur über Literatur schrieben, die auch in Russland entstanden sei. Als nächstes wurde die obligatorische Frage gestellt, wie er zum Schreiben gekommen sei. Er antwortete humorvoll, dass er als Kind, nach dem Tod seines Hamsters damit begonnen habe. Zuerst schrieb er nur satirisch, dann philosophisch, bis er merkte, dass man damit kein Geld verdienen könne. Deshalb entschied er sich für den Kriminalroman, den er aber halb kommerziell und halb philosophisch-sozialkritisch anlegte. 15 Jahre lang habe er auch englische Übersetzungen an alle amerikanischen und englischen Verlage geschickt, allerdings ohne Erfolg. Die Absage eines englischen Verlages lautete sogar dahingehend, dass sie nur Qualitätsliteratur veröffentlichten. Interessanterweise habe sich genau dieser Verlag zwei Jahre später bei Diogenes um die Rechte bemüht. Denn mittlerweile hatte er auch das Manuskript von "Picknick auf dem Eis" an europäische Verlage geschickt, und Diogenes hatte gleich Interesse gezeigt und wenig später einen Vertrag angeboten.
Insgesamt lässt sich also sagen, dass sich der Besuch dieser Lesung wirklich gelohnt hat, ich habe viel Interessantes über die Ukraine erfahren und werde bestimmt auch noch die weiteren Bücher von Andrej Kurkow lesen, die bisher auf Deutsch zu haben sind. weitere Informationen: |
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